Liquidität bei Aktien bewerten

Liquidität bei Aktien – So schützt Du Dich vor dem Totalverlust!

In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der Liquidität von Unternehmen. Über die Liquidität können wir Finanzrisiken beim Kauf von Aktien abschätzen und sogar wertvolle Rückschlüsse auf das Management ziehen.

Das Verstehen von Liquidität und Unternehmensfinanzen ist ein wichtiger Schritt beim Lernprozess. Weitere Punkte habe ich in meinem Beitrag zum „Investieren für Einsteiger“ beschrieben.

Die Liquidität kann über Kennzahlen berechnet werden. Dieser Vorgang ist Teil der Fundamentalanalyse.

Was bedeutet Liquidität?

Liquidität kommt von dem lateinischen Wort „Liquidus“, was so viel wie „flüssig“ bedeutet. Der Begriff beschreibt in der Finanzbranche die Fähigkeit von Firmen, Rechnungen zu zahlen.
Je mehr „Flüssige Mittel“ ein Unternehmen zur Verfügung hat, desto leichter kann es seine Rechnungen zahlen und desto resistenter ist das Unternehmen gegenüber Zahlungsausfällen von Kunden oder anderen unvorhersehbaren Belastungen.

Flüssige Mittel als Maßstab für Liquidität

Generell lassen sich alle Vermögenswerte einer Firma in verschiedene Kategorien unterteilen, was ihre Liquidität angeht. Cash auf einem Konto zum Beispiel ist sofort verfügbar und damit „liquide“. Fabriken und Häuser hingegen müssen erst zu Geld gemacht werden (falls überhaupt möglich). Diese Vermögenswerte sind in der Regel illiquide (nicht flüssig).

Hier ein kurzer Vergleich von verschiedenen Liquiditäts-Kategorien:

Liquide Mittel erster Ordnung

Unter die Kategorie der liquiden Mittel erster Ordnung fällt hauptsächlich Bargeld und Bankguthaben. Hier geht es also nur um Geld, das sofort verfügbar ist.

Liquide Mittel zweiter Ordnung

Die liquiden Mittel zweiter Ordnung sind z.B. Schecks, Wertpapiere, kurzfristige Forderungen aus Lieferungen und Leistungen. Diese Mittel sind zwar nicht sofort verfügbar, aber bereits nach kurzer Zeit.

Liquide Mittel dritter Ordnung

Unter liquiden Mitteln dritter Ordnung versteht man Dinge, die veräußert werden müssen und innerhalb eines Jahres zu Geld zu machen sind. Hierunter fallen z.B. Rohstoffe, Waren und andere kurzfristige Vermögenswerte.

Illiquide Mittel

Alle Vermögenswerte, die nicht in die flüssigen Mittel der ersten bis dritten Ordnung fallen, sind per Definition nicht flüssig, also illiquide.

Warum ist Liquidität überhaupt wichtig?

Generell muss jedes Unternehmen (genau wie jede Privatperson) zu jeder Zeit liquide, also zahlungsfähig sein, um am wirtschaftlichen System teilnehmen zu können. Wenn eine Firma oder eine Privatperson nicht mehr zahlungsfähig ist, ist die Person Insolvent.

Insolvenz kann zum Totalverlust bei Aktien führen

Wenn keine flüssigen Mittel mehr vorhanden sind und Rechnungen nicht mehr bezahlt werden können, ist eine Firma Insolvent. Dann gibt es drei Möglichkeiten:

1.      Kredit: Die Firma leiht sich neues Geld

Die Insolvenz kann verhindert werden, indem sich die Firma neues Geld leiht (Kredit) oder die Rechnungen in Abstimmung mit dem Rechnungssteller zu einem späteren Zeitpunkt bezahlt. Diese Lösung bringt mit sich, dass die Schulden von Unternehmen steigen, beziehungsweise nicht wie geplant abgebaut werden können.

Geliehenes Geld auch nicht kostenfrei. Im Regelfall werden Zinsen fällig. Besonders bei stark angeschlagenen Unternehmen können die Zinsen enorme Höhen erreichen.

Zudem resultiert aus dieser Möglichkeit eine hohe Abhängigkeit zu Dritten. Denn es ist nicht garantiert, dass einer Firma überhaupt jemand Geld leihen möchte. Beispielsweise war die letzte Finanzkrise 2008-2009 eine Liquiditätskrise (Wikipedia). Keiner wollte mehr etwas verleihen, weil alle misstrauisch und extrem vorsichtig waren.

Eine weitere Form sich Geld zu leihen sind sogenannte Kapitalerhöhungen. Hier gibt ein Unternehmen neue Aktien an Aktionäre aus. Es wird sich also neues Eigenkapital beschafft. Dies führt in der Regel dazu, dass Alt-Aktionäre Verluste erleiden, da ihre Aktien durch die neuen Aktien verwässert werden (Der Kuchen wird auf mehr Stücke aufgeteilt).

2.      Die Firma verkauft das Tafelsilber unter Wert

Wenn man schnell an Geld kommen muss, kann man nicht auf den besten Preis warten, sondern muss mit dem Verkauf größere Probleme lösen. Damit dieser Vorgang schnell geht und garantiert Geld einbringt, verkaufen Unternehmen in solchen Situationen gerne ihr „Tafelsilber“ (die besonders lukrativen Teile eines Unternehmens).

Hiermit kann die Firma Liquditätsprobleme lösen, auf Kosten der künftigen Gewinne und Umsätze. Häufig wird hier aktiv Aktionärskapital vernichtet.

3.      Das Unternehmen geht in die Insolvenz

Wenn kein neues Kapital herangeschafft werden kann und kein Verkauf die Firma retten kann, dann bleibt nur noch die Insolvenz. Der Totalverlust für Aktionäre droht.

Deshalb ist mangelnde Liquidität neben fehlendem Eigenkapital die häufigste Ursache für Unternehmenspleiten.

Aktionäre gehen hier in der Regel leer aus, da Fremdkapitalgeber bevorzugt ausgezahlt werden. Deshalb ist eine Insolvenz potenziell der Super-Gau (Größter, anzunehmender Unfall) für die Aktionäre.

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit gezielt in diese Situationen zu investieren. Das hat seinerzeit Benjamin Graham gemacht. Hiermit sollte man sich vorher intensiv beschäftigen, da diese Strategie eher für fortgeschrittene Finanzjongleure ist.

Wenn Du Dich weiterbilden möchtest, dann schau Doch mal bei meiner Auflistung über die besten Value Investing Bücher vorbei.

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Mangelnde Liquidität ist immer schlecht für Aktionäre

Wir haben gesehen, was passieren kann, wenn nicht genügend Liquidität vorgehalten wird. Alle Lösungen sind mit Nachteilen verbunden. Deshalb müssen Unternehmen stets liquide bleiben, um diese Gefahren im Griff zu haben.

Leider ist dies nicht immer der Fall, wie wir im weiteren sehen werden.

Liquiditätskennzahlen bei Unternehmen

In meinem Blogbeitrag über die 25 wichtigsten Bilanzkennzahlen, habe ich ebenfalls Liquiditätskennzahlen behandelt. Man unterscheidet hier im Wesentlichen zwischen dem Liquiditätsgrad des 1., des 2. und des 3. Grades. Es gibt aber auch noch weitere Kennzahlen.

Das Prinzip hinter den Kennzahlen ist dasselbe. Es wird einfach ins Verhältnis gesetzt, was eine Firma im nächsten Jahr für Zahlungen tätigen muss und welche liquiden Mittel dem gegenüberstehen. Je besser der Liquiditätsgrad, desto einfacher kann eine Firma ihre Rechnungen bezahlen.

Als gute Hausnummer gilt: Liquiditätsgrade > 1 bedeuten, dass die erwarteten Zahlungen des nächsten Jahres aus dem vorhandenen Vermögen gezahlt werden können.

Darum fahren Unternehmen trotzdem Liquidität herunter

Wir haben gesehen, dass die Liquidität wichtig ist, um ordentlich und nachhaltig wirtschaften zu können. Doch wenn wir uns verschiedene Unternehmen ansehen, dann stellen wir fest, dass manche Firmen nur sehr wenig liquide Mittel vorhalten.

Nun stellt sich die Frage: Warum gehen die Unternehmen diesen Schritt?

Um das zu verstehen, hilft sicherlich ein Blick auf Deine Finanzen. Jeder Aktieninvestor kennt diese sinnvolle Vorgabe:

„Investiere niemals Geld, das du demnächst brauchst und baue Dir eine Rücklage auf, damit Du Deine Investments nicht verkaufen musst, wenn z.B. das Auto kaputt geht“

Eine Rücklage sichert Deine Zahlungsfähigkeit, kostet aber Rendite

Wenn Du Geld auf Seite legst (z.B. für unvorhersehbare Kosten), dann kannst Du dieses Geld nicht anlegen. Somit erzielt es auch keine Rendite für Dich.

Deshalb kostet Liquidität Geld!

Firmen wissen das und fahren ihre Liquidität daher auf ein Minimum zurück. Jeder Euro, der nutzlos rumliegt kann nicht für sinnvolle Investments verwendet werden.

Die besten Firmen benötigen kaum flüssige Mittel

Liquidität wird benötigt, um bei Zahlungsausfall oder unvorhersehbaren Kosten zahlungsfähig zu bleiben. Die Rechnungen werden im Zweifelsfall einfach aus dem Liquiditätspolster bezahlt.

Es gibt jedoch auch Firmen, die über außerordentlich sichere und planbare Geschäftsmodell verfügen, dass sie es sich leisten können, die Liquidität zu reduzieren und somit ihr Geschäftsergebnis zu verbessern.

Nehmen wir einmal Disney. Hier ein Bild über die Entwicklung des sog. Current Ratios (Liquiditätsgrad 3. Grades). Wir sehen, dass dieser zuletzt unter die Marke von 1 gefallen ist. Das bedeutet, die erwarteten Kosten für die nächsten 12 Monate sind höher, als die Gegenwerte, die dafür bereitstehen.

Disney Liquiditätsgrad

Disney Liquiditätsgrad

Wie kann das sein? Fährt Disney gegen die Wand?

Im Gegenteil. Das Geschäftsmodell von Disney ist so planbar und krisensicher, dass Disney genau weiß, wie viel Geld im laufenden Jahr noch verdient werden wird. Disney ist also nicht auf Rücklagen angewiesen, sondern kann mit weiteren Einnahmen kalkulieren.

In diesem Fall spielt die Liquiditätskennzahl nur eine untergeordnete Rolle.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, warum Kennzahlen im richtigen Kontext zu sehen sind. Bei den besten Aktien ist Liquidität in der Regel nicht so wichtig, aber trotzdem muss man sich darüber Gedanken machen.

Rentabilität – Ist Dein Unternehmen ebenfalls krisensicher?

Bevor Du also die Liquidität bei Unternehmen bewertest, frage Dich: Benötigt diese Firma überhaupt eine hohe Liquidität? Wie verhält es sich mit der Rentabilität in Krisenzeiten? Ist eine Firma eher unsicher?

Die meisten Firmen fallen unter diese Kategorie. Beispielsweise wäre ich bei kleinen Firmen, mit einem wachseligen und unstetigen Geschäftsmodell sehr daran interessiert, dass die Firma ihre Liquidität anständig im Griff hat.

Auch viele zyklische und anfällige Geschäftsmodelle sollten auf Liquidität geprüft werden. Hier mal ein Beispiel der Liquiditätsgrad von BMW:

BMW Liquiditätsgrad

BMW Liquiditätsgrad

Kontrolliere am besten hierzu, was mit deiner Firma in der letzten Krisen passiert ist:

  1. Hat die Firma weiter Gewinne erzielt oder Verluste geschrieben?
  2. Was ist mit den Cashflows (Free Cashflow und operativer Cashflow)? Warum diese weiter positive?
  3. Musste sich das Management Geld leihen oder Kapitalerhöhungen durchführen, um nicht Pleite zu gehen?

So verwende ich den Liquiditätsgrad bei Firmen

Wir haben ja bereits gelernt, dass manche Firmen nicht auf eine hohe Liquidität angewiesen sind. Wenn die Firma, in die wir investieren wollen jedoch darauf angewiesen ist, dann sollten wir auch kontrollieren, ob genügend Liquidität vorhanden ist.

Dazu verwende ich als 1. Aussage den Liquiditätsgrad 3. Grades (Current Ratio). Dieser sollte mindestens 1, besser über 2 liegen. 2 bedeutet, dass doppelt so viele kurzfristige Vermögenswerte, den erwarteten Zahlungen gegenüber stehen. Somit ist noch ein Puffer, für weitere Zahlungen vorhanden.

Management über die Liquidität bewerten

Neben dem Finanzrisiko, kann auch das Management bewertet werden. Denn:

Das Management hat die Aufgabe, die Finanzmittel (darunter auch liquide Mittel) optimal im Sinne der Aktionäre und der Firma einzusetzen!

Fragen wir uns also: „Macht das Management hier alles richtig? Wird zu viel oder zu wenig Liquidität vorgehalten? Was steht dazu im Geschäftsbericht? Was sind die Gründe für diese Ausrichtung?

Mit diesen Rückfragen können wir entscheiden, ob das Management das Unternehmen richtig führt oder nicht. Man kann sich auch vergleichbare Konkurrenzunternehmen ansehen, um einen besseren Eindruck zu bekommen.

Deshalb ist die Liquidität auch dazu geeignet, um Rückschlüsse auf die Kompetenz von Managern zuzulassen.

Wenn Du gerne mehr über die Interpretation von Kennzahlen aller Art lernen möchtest, dann empfehle ich Dir dieses großartige Buch (Amazon Partnershop):

Fazit – Liquidität bei Aktien richtig nutzen

Wenn man mit Aktien Geld verdienen möchte, dann kann man sich an Warren Buffett’s wichtigste Regel zu Aktienanlage erinnern:

„Regel #1: Verliere niemals Geld. Regel #2: Vergiss niemals Regel #1“ – Warren Buffett

Indem wir und mit der Liquidität von Firmen beschäftigen, reduzieren wir das Risiko eines Totalverlustes, können das Management bewerten und wichtige Zusammenhänge im Unternehmen verstehen.

Am liebsten kaufe ich Firmen, die über derartig sichere Geschäftsmodell verfügen, das die Liquidität eine untergeordnete Rolle spielt und ich mir keine Gedanken, um eine potenzielle Firmenpleite machen muss.

Trotzdem können wir uns die Liquidität ansehen, um zu entscheiden, was im Unternehmen vorgeht und ob das Management richtig unterwegs ist. Besonders die Bewertung von Managern fällt vielen Anlegern schwierig. Deshalb können wir uns ansehen, was sie wirklich mit dem Geld der Firma machen und ob das richtig oder falsch ist.

Mehr Informationen gefällig?

Dieses Thema ist auch ein integraler Bestandteil des Value Investing Videokurses:

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2018 Christian Bauduin

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